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Manchmal ist Werbung so penetrant, daß man sie doch wahrnimmt, auch wenn man nicht will. Und so nahm ich nach einigen Wochen, ausdrücklich gegen meinen Willen, die Instagramwerbung wahr, die mir „gurushots“ näherbringen wollte, und ich googelte also und weil man nicht herausfinden kann, was das ist, ohne sich anzumelden, meldete ich mich an. Ich wußte nicht, was ich tat. Ja, das ist eine Rechtfertigung. Ich war dumm, und jetzt tun mir immer noch die Augen weh, verdammtes Schmerzgedächtnis, und ich muß zur Augenkrebsvorsorge, bevor es ins Hirn ausstrahlt.

Gurushots hat nach eigenen Angaben und wie jedes andere dahergelaufene Startup auch erstens eine Vision und zweitens eine Mission. Das liest sich so:

At GuruShots, we believe that it’s not about the gear you use nor the training you received. It’s not even really about the subjects you shoot. It’s really about your talent. We built GuruShots to give people a place to show and nurture that talent.

Aha. Und weiter:

Taking photos is an amazing way to express yourself. We wanted it to be fun and meaningful so we turned the sharing of photos into an exciting game packed with plenty of opportunities to show off people’s talent.

Das klingt ja erst einmal sympathisch. Und zwar genau so lange, bis man feststellt, daß gurushots exakt das Gegenteil von dem ist und tut, was es propagiert. Aber von vorn.

Gurushots ist eine Foto-Community, die auf Wettbewerb aufbaut. Deshalb gibt es Challenges zu bestimmten Themen, etwa Landschaft oder Schiffe oder Quadrate oder Schatten oder rot-blau. Einige laufen mehrere Tage, da kann man bis zu vier Fotos einreichen, einige gehen schneller, da ist nur ein Foto erlaubt. Man stimmt dann ab, und wird hochgevotet, dafür gibt es Punkte und Status. Wer mehr Status hat, dessen Stimme hat mehr Gewicht. Außerdem kann man beeinflussen, wie das eigene Bild plaziert wird. Wer oft abstimmt, dessen Exposure im jeweiligen Wettbewerb steigt.

Okay, verstanden. Ich suchte also viermal Berge und Grünzeug aus und plazierte sie im Wettbewerb „Unique Nature“, unter anderem das uralte Bergblümelein aus dem Jahr zweitausendschnee, das diesen Beitrag ziert (damals noch mit der Pentax-Kompaktknipse gemacht, die Optio 750z, geiles Teil war das, naja). Natur ist für einen Straßenfotografen nicht eben Kernkompetenz, aber was solls.

Dann ging es darum, dem Bergblümelein seinen angemessenen Auftritt zu verschaffen, und ich votete mir die Finger wund. Ich scrollte durch seitenweise Berge und Wald, durch verwackelte Enten am Dorfteich und blühendes Gedöns in jemandes Garten, gern schief und unscharf. Auf der anderen Seite dann die überambitionierten Hobbyknipser mit ihren farbhysterischen Postkärtchenbergen in Überwältigungsästhetik. Ich war bald dankbar für Winterbilder und alles in schwarzweiß, weil ich die hochgeschraubten Farben nicht mehr sehen konnte. Wer Instagram haßt, der findet hier seinen Endgegner.

Mein Bergblümelein machte eine steile Karriere und stoppte bald unversehens, weil es nicht mehr gezeigt wurde. Alle Fotos müssen gleich oft präsentiert werden, denn das wäre sonst unfair denen gegenüber, die erst später einreichen. Fünfhundertzehn Stimmen, dann Stagnation. Ich beschloß, einmal die momentan Erstplazierten anzuschauen, was machen die richtig? Also gut, Unique Nature, die Sieger: Langzeitbelichtetes Wasserwisch an wahlweise violettem, orangefarbenem oder grünem (Polarlicht!) Himmel. Berge mit Schnee an Spiegelsee, gern mit Hütte (nordisch) und einsamer Kiefer. Monument Valley in drölftausend Varianten. Eisige Berge in quietschblau, ab und zu verrottet ein Boot oder ein Steg. Dann ordentlich Clownskotze drauf, damit die Wolken am Himmel stehen wie Eischnee mit Sahnesteif. Da kann mein bescheidenes Bergblümchen natürlich nicht mithalten.

Ist ein Bild ohne Sonnenuntergang überhaupt ein Bild? (Immerhin: nix hochgedreht, nur draufgehalten. Bled am Bledsee kann das.)

Ich ging testweise noch einige andere Challenges an. Ich scrollte durch mein Flickr und fragte mich bald, ob Fotos ohne Sonnenuntergang überhaupt richtige Fotos sind. Ich beteiligte mich an der Challenge „Everyone loves Summer“ und votete mich durch Bilder von jemandes Kind am Strand, Bilder von jemandes Hund am Strand, Bilder von jemandes leichtbekleideter Freundin am Strand und Bilder von jemandes leichtbekleidetem Model am Strand. Ich vergab bald Punkte für Originalität, egal wie das handwerklich gemacht war, aber egal, Möwe mit Pommes am Strand, geil. Wieder wagte ich einen Blick zu den Topplazierten. Diesmal lagen die vorn, die es schafften, das vulgärfotografische Gesamtpaket Strand, Sonnenuntergang, HDR und Kind/Freundin in ein Bild zu packen. Gerne war die Angelegenheit hoffnungslos über- oder unterschärft. Hey, egal, Sonnenuntergang. Hey, egal, jeder kann fotografieren, muß man ja nicht gelernt haben. Hey, super meaningful experience.

Ich votete zur Erholung noch ein paar Bäume, Berge, Seen, denn da stand wenigstens keine Frau unter vierzig leichtbekleidet im Bild rum und zeigte ihre Talente.

Nur ein paar Stunden nach Anmeldung war ich durch. Nicht durch das Spielprinzip von Gurushots, da mangelt es mir offenbar an Talent, sondern mental. Tausende schlechter Fotos waren an mir vorbeigezogen, ich hatte nicht ein einziges Bild gesehen, das mir wirklich gefiel. Deshalb fand ich auch niemanden, dem ich guten Gewissens dort folgen konnte, weshalb mir das Community-Erlebnis entging. Wenn ich Flickr öffne, dauert das normalerweise maximal zehn Sekunden, dann bewundere ich was gutkomponiertes von Shin Noguchi oder Gustavo Minas oder einer Gruppe, der ich folge. Dann like ich das gerne. Und wenn ich jemanden kenne, schreib ich auch mal was drunter. Genauso ist das auf Instagram. Dort ist ein Like auch mehr wert, weil es nicht nur gegeben wurde, um sich selbst nach vorne zu pushen, sondern einfach so. Weil man sich dafür entschieden hat, jemandem zu folgen und weil man demjenigen zwigen will, daß man dieses Bild mag. Oder das was drauf ist. Bei Gurushots wählte ich meist das kleinste Übel, das ich ansatzweise mit meinem ästhetischen Gewissen vereinbaren konnte.

Der Wettbewerbsgedanke von Gurushots funktioniert – zumindest für mich – nur, wenn sich nicht die HDR-Mafia an der Spitze breitmacht und tausendfach gesehene Grütze mit Wasserzeichen als echt talentiertes Werk durchgeht. Da wird eben eine sehr schmale Sparte der Hobbyfotografie propagiert, nicht mehr. Ein Kunsthandwerk, das rein auf Imitation basiert, das ohne eine einzige Idee auskommt, ohne einen originellen Gedanken, ohne das, was Gurushots als „amazing way to express yourself“ bezeichnet. Es sei denn, es drücken sich hier nur die allermittelmäßigsten Geister in unüberbietbarer Mittelmäßigkeit aus.

Ich für meinen Teil hab genug gesehen, vor allem genug wirklich, wirklich schlechte Bilder und genug leichtbekleidete Frauen und genug niedliche Hunde und genug Berge, die von einem Farbregler vergewaltigt wurden und melde mich ab. Scheißegal, was aus meinem Bergblümchen wird, das verschwindet wieder in der mittelmäßigen Tiefe meines Flickr-Accounts, wo es hingehört.

Man soll sich ja nie an den Schlechten messen, sondern an den Guten. Deshalb spüle ich mir das Grauen jetzt mit einem feinen Fotobuch aus den Synapsen.