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Die Geschichte begann unschön am Flughafen von Tanger, wo ich (und eine weitere Journalistin unserer Gruppe) in ein Räumchen geschickt wurde, in dem ein gelangweilter Zollbeamter passiv-aggressiv in einem dicken Buch mit Formularen herumstempelte. Wir hätten keine Fotoerlaubnis, sagte uns der gelangweilte Beamte, hörte kurz auf zu stempeln und beschlagnahmte unsere Kameras bis zum Rückflug. Dann stempelte er wieder, aber auf unseren Formularen herum.

Da war ich nun, in Marokko, in dessen Städten ich schon immer einmal herumfotografieren wollte, seit ich einmal weiter im Süden in der Wüste war, und hatte keine Kamera. Noch schlimmer: Ich hatte meine Kamera nicht. Meine Kamera, das ist seit sieben Jahren eine Leica M9 und ich gebe sie nur aus der Hand, wenn offizielle Menschen in Uniform mich sehr drohend anschauen. Zum Beispiel in einem Zollkabuff am Flughafen von Tanger.

Am ersten Tag nutzte ich eben mein iPhone. Das war frustrierend, aber irgendwie noch ok. Ich kenne mein iPhone, ich weiß, was ich erwarten (korrekte Belichtung) und vor allem, was ich nicht erwarten kann (schnelles Auslösen). Ich suchte mir also ein paar halbwegs unbewegliche Ziele, und los gings. Erst der zweite Tag erreichte ganz neue Level an Frustration, als unser Begleiter vom Fremdenverkehrsamt Tanger irgendwo eine Leihkamera für mich auftat. Das war eine Canon 700D und ich frage mich seitdem, warum Menschen sich sowas freiwillig antun.

Der Tag begann in der Altstadt, der Medina von Tanger. Das Licht war ein schräges, helles Morgenlicht. Die Mauern sind nahezu alle weiß gekalkt. Ich dachte, gut, fremde Kamera, mit der ich mich nicht auskenne, am besten erstmal alles auf Automatik schalten. Nur die ISO auf 400, das mach ich bei der M9 auch immer, damit kommt man immer ganz gut durch den Tag. Da kann sich auch mal was bewegen, da verrutscht nix. Tja. Nein. Anscheinend ist für die Automatik eine Zehntelsekunde noch eine voll okaye Belichtungszeit.

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Unbearbeitete Originaldatei. Verwischt, aber hey, immerhin schön bunt.

Ansonsten ist bei Blende achteinhalb meistens 1/500 oder 1/750 eine ziemlich idiotensichere Zeit, wenn die Sonne scheint. Hurra, nehmen wir 1/640, dachte sich die Plastewumme ein paar Meter weiter, und das sah dann aus irgendwelchen Gründen so aus:

Vorher und Nachher.
Bis die Schieberegler glühen: Vorher und Nachher.

Schön ist was anderes. Man kann also direkt in die Sonne fotografieren, und das Ding denkt immer noch, ach, ist ja nicht so hell, nee, gib ma noch was dazu. Himmel hell, Mauer hell, egal, Blätter ausgefressen, Kabel überstrahlt, fiese Reflexe, geil. Wer programmiert so einen Bullshit?

Ich habe zum Glück alles in RAW fotografiert, insofern konnte ich die völlig ausgeblasenen Lichter und das im Schatten Ersoffene oft noch halbwegs retten. Ich hatte aber ernsthaft noch nie so viel zu tun bei der Nachbearbeitung, und ich habe noch nie so sehr geschwitzt. Fast alles, was mit Automatik entstand, war heillos überbelichtet. Das ist in einer Stadt, die nahezu nur aus weißen Wänden besteht, ziemlich kontraproduktiv. Denn was weiß ist, das bleibt weiß. Aus den Schatten läßt sich eher noch ein bißchen Zeichnung herausholen, weshalb leichtes Unterbelichten nicht so schlimm ist wie diese Komplettüberstrahlung.

Überhaupt, die Automatik: Ein paar Meter weiter hielt sie dann Blende 29 (!) (wtf) und 1/200 für opportun, die Schatten ließen sich beim besten Willen nicht mehr aufhellen. Leider besteht die Altstadt nämlich nicht nur aus weißen Mauern, sondern auch aus dunklen Durchgängen und schattigen Ecken (wo viel Licht, da ja auch viel Schatten, wie das schöne Sprichwort sagt, und eigentlich etwas ganz anderes meint). Wer um Himmels Willen programmiert so etwas? Und warum? Und warum habe ich das Gefühl, der gute, alte CCD-Sensor meiner M9 ist dagegen so gutmütig wie ein Schwarzweißfilm? Immerhin: Die Belichtung ist nicht logisch, aber immerhin über das ganze Bild hinweg konsequent scheiße.

Irgendeine Palmenblattspitze ist eventuell korrekt belichtet.
Irgendeine Palmenblattspitze ist eventuell korrekt belichtet.

Nachdem ich der Belichtungsautomatik kein nennenswertes System nachweisen konnte, sie vielmehr „all over the place“ war, wie es im Englischen so schön heißt, beschloß ich, ab sofort manuell weiterzumachen. Das war eine prinzipiell gute Idee. Bei der Leica ist das ja simpel. Man belichtet so lange auf die eigene Handoberfläche, bis im Sucher ein rotes Böppelchen aufscheint anstatt eines Pfeils, dann ist alles gut. Man weiß dann auch immer, okay, hier ist es etwas schattiger, schalteste mal auf Blende acht und die Zeit auf 500 runter oder so. Ist ja nur ein kleiner Rädchendreh. Geht ja ratz-ratz. Andere nutzen die Belichtungskompensation, das geht auch.

Diese Canon ist aber leider wie viele dieser semi-professionellen Kameras für Menschen gemacht, die Zahlen hassen. Es sollen möglichst wenig Zahlen auf dem Gehäuse stehen, dafür sehr viele Rädchen und Knöpfe mit kryptischen Abkürzungen. Knöpfe sind gut, und Menüfunktionen, viele Menüfunktionen. Die Canon 700 hatte sogar einen Touchscreen, mit dem man alles mögliche machen kann, nur nicht das, was sinnvoll wäre: Zeit und Blende schnell verstellen. So schnell, daß das Motiv nicht in der Zwischenzeit weggelaufen ist.

Immerhin mußte ich nun nicht mehr der Belichtungsautomatik hinterherkontrollieren, ich hatte ja schon genug damit zu tun, dem Autofokus hinterherzukontrollieren. Ich bin ein Freund der großen Blende und weiß normalerweise, wo meine Kamera gerade hinfokussiert. Bei so einem Automatikdings kann es schon etwas länger dauern, bis man das Ästchen erwischt hat. Autofokus ist sicher nicht böse, aber eine weitere potentielle Fehlerquelle, weil ich glaube, nicht darüber nachdenken zu müssen (ist ja Automatik, ne), es aber besser sollte, sonst macht er einen Quatsch, den ich nicht will.

Netterweise blieben sie sitzen und warteten auf meine Belichtungsfummelei.
Netterweise blieben sie sitzen und warteten auf meine Belichtungsfummelei (vor und nach der Bearbeitung).

Inzwischen waren wir in Chefchaouen angekommen, einer kleinen Stadt im Gebirge, die für ihre blauen Mauern berühmt ist. Immerhin, die Mauern waren nicht mehr weiß, das half, und daß ich langsam raushatte, wie man die Belichtung verstellt, wenn man weder ein Zeiträdchen noch einen Blendenring hat (warum bloß nicht, warum? soll das Fortschritt sein?), machte die Sache auch besser. Es macht die Sache ja immer besser, wenn man die Knöpfe seines Gerätes möglichst blind findet. Eventuell hätte ich ein paar der kryptischen Knöpfe mit irgendetwas belegen können, was heutzutage „Settings“ heißt, aber das ist auch keine Entschuldigung für die Abwesenheit vernünftiger Einstellmöglichkeiten. Herrje. Ich kämpfte also. Und schaffte es, wenigstens ein paar Bilder hinzubekommen, die halbwegs stimmten. Was aber mehr an der unfaßbaren Schönheit Chefchaouens lag als an meinen fotografischen Fähigkeiten. Weil ey:

Was kann man da falsch machen? Diese Stadt kann man gar nicht häßlich fotografieren.
Was kann man da falsch machen? Diese Stadt kann man gar nicht häßlich fotografieren.

Jetzt ist das natürlich nicht die erste Stadt mit weißen oder blauen, auf jeden Fall sehr hellen Mauern, die ich bisher so im Leben fotografiert habe. Ich war jetzt neugierig und habe mir im Vergleich einmal die unbearbeiteten Originale aus der M9 angeschaut, die ich auf den griechischen Inseln gemacht habe. Und die sehen dann eher so aus:

DNG-Datei aus der M9
DNG-Datei aus der M9

Das ist erst einmal nicht sehr attraktiv. Das ist flau, das ist irgendwie zu bläulich, das ist nicht knackig. Und genau das ist der Punkt. Das sind Raw-Dateien, die dafür gemacht sind, von liebevoller Hand poliert zu werden. Bei den Canon-Dateien habe ich regelmäßig Kontrast und Farbe herausgenommen, weil es mir zu unnatürlich aussah. Bei der Leica gebe ich hinzu, und zwar so viel, wie es mir paßt. Unsereins ist ein mündiger Bürger und kann das selbst entscheiden. Das Problem ist halt: Hat das Raw schon saumäßig Kontrast, gehen Feinheiten verloren. Haare zum Beispiel.

Das Schöne an der Katze ist das Fell.
Das Schöne an der Katze ist das Fell (DNG aus der M9)

Flauschigkeit ist ein wesentliches Element der Katze, deshalb sollte man ihr Fell sehen und nicht nur einen weißen, überstrahlten Block, weil irgendwer meint, mein Raw so übersteuern zu müssen, daß es schön quietschebunt aussieht, mir aber eigentlich viel mehr Arbeit macht, anstatt mir welche zu ersparen.

Richtig finster wird es, wenn jemand noch meint, er müsse an so eine Canon ein Reisezoom dranhängen, weil man damit ja von supiweit bis supitele alles abdeckt. Die nicht ganz so wunderschöne, aber unter Weltkulturerbeschutz stehende Stadt, in die wir dann fuhren, heißt Tetaouen. Der Platz vor dem Palast sieht so aus:

Tetaouen
Tetaouen hinter Gittern

Man darf bei diesen Objektivungetümen halt echt nicht in die Ecken gucken.

Augenkrebs!
Augenkrebs!

Das Türmsche ist nicht nur schepp, wie man in Frankfurt sagt, es ist auch links grün und rechts lila. Das ist die gefürchtete Chromatische Aberration, und sie tut sehr weh, wenn man sieben Jahre lang keine gesehen hat. Es ist natürlich gemein, ein Zoomdingsi mit einem Leicaobjektiv zu vergleichen (auch nicht mit einem Leicaobjektiv aus den Sechzigern), aber es traf mich doch hart. (Warum ich sonst nur mit Festbrennweiten fotografiere, hat natürlich mit den Einschränkungen der Leica zu tun, aber auch mit den Einschränkungen meines Hirns und müßte ein andermal erzählt werden, das führt zu weit.)

Manchmal dachte ich, ach, naja, andere Kameras sind sicher auch gut, ich fahr hier so ein Luxusding, was irgendwie mit meiner verqueren Art des Hineinnerdens in Kram zu tun hat und mit meiner Obsession, daß die Dinge, die ich benutze, auch noch irgendwie schön sein sollen. Mein kurzer Ausflug in die Canon-Semiprofiwelt der Plasteknipsen und Riesentüten war demnach sehr lehrreich. Klar, man kann damit schon irgendwie Fotos machen. Man kann sich daran gewöhnen und lernt vielleicht, die Belichtungsparameter schneller einzustellen als ich.

Aber ich will nicht. Falls mir  in meinem künftigen Reisedasein nochmal so ein gelangweilter Zolltyp begegnet, der meint, mir die Kamera beschlagnahmen zu müssen, dann verzichte ich auf Substitute. Dann nehme ich das iPhone. Das ist auch leichter und unauffälliger und ich habe es sowieso dabei.

  1. Das klingt nach einem richtigen Alptraum. Ich bin ja nur ein Amateur und habe mir vor vielen Jahren eine Canon EOS 450D gekauft, also ein Gerät derselben Klasse. Das war/ist meine erste Spiegelreflexkamera. Ich habe damals auf einen guten Ratgeber gehört und von Beginn an niemals die Automatik verwendet. Ich finde den M-Modus eigentlich verständlich und bedienbar. Die krassen Überbelichtungen wären damit nicht passiert: Man sieht im Sucher, ob das Bild über- oder unterbelichtet werden würde und kann die Belichtungszeit mit dem Rädchen direkt hinter dem Sucher nachstellen.

  2. Ich bin es wirklich nicht gewohnt, daß die Automatik so dermaßen bescheiden ist. Ich hab das noch nie erlebt. Auch nicht mit meiner Pentax-DSLR, da konnte man sich immer drauf verlassen (dafür war der AF gern daneben).

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