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Letztens gab es eine hörenswerte Folge des Anekdotisch-Evident-Podcasts zur Fotografie. Darin geht es weder um Technik noch um Kunst, und wenn, dann nur am Rande. Vor allem nämlich geht es um Fotografie im Alltag – oder eben nicht im Alltag, nämlich immer dann, wenn eine Familie etwas Außergewöhnliches erlebt. Feiern, Weihnachten, Urlaube, sowas eben. Es hängt dann sehr vom Talent des fotografierenden Familienmitglieds ab, ob hier Momente festgehalten werden, die auch später noch gerne angeschaut werden und die Familie zusammenschweißen. Familienfotos können für den Zusammenhalt der Sippe durchaus wichtig sein.

Meine gesamte Familienvergangenheit befindet sich in verblichenen Fototaschen auf seit vierzig Jahren ungerahmten Dias, die nie angeschaut wurden, weil die Birne vom Diaprojektor schon mindestens ebenso lange kaputt ist. Ich habe überhaupt kein Bild von uns. Eines Tages werde ich all die Fototaschen sichten und vermutlich erst dann verstehen, wo wir herkommen und wie wir dabei aussahen. Ich habe einmal flüchtig drübergeschaut, es befanden sich unendliche Mengen Makroaufnahmen von Alpenblumen auf den Dias und immerhin ein Bild meiner Oma kurz vor meiner Geburt, wie sie gerade in ihrer bunten Kittelschürze irgendwas im Spülstein schrubbt. Ich wußte gar nicht, daß sie sich mit paarundsiebzig Jahren die langen Haare schwarz gefärbt hatte, so kannte ich sie gar nicht, nur kurz und grau. Ich habe dieses unspektakuläre Alltagsbild als sehr eindrucksvoll in Erinnerung, viel eindrucksvoller als all die Gruppenbilder vor Landschaften.

Doch üblicherweise packt man einmal im Jahr die Kamera aus, wenn man irgendwohin fährt, und lichtet schöne Landschaft ab und Baudenkmäler und vielleicht noch das Kind beim Niedlichsein. Von meinem Großonkel habe ich einen Diakasten geerbt, und zwar die Fotos seiner Ägyptenreise. Man sieht eine Pyramide und einen Tempel, dann noch eine Pyramide und noch einen Tempel. All die Fotos, die sich auf tausend Postkarten finden und in Geschichtsschulbüchern und heute auch im gesamten Internet, nur damals noch ohne Instagramfilter.

Kinder-Ballettstunde auf Skopelos

Für diese Bilder, so bemerkt es auch Alexandra Tobor im Podcast, interessiert sich in ein paar Jahren keine alte Sau mehr. Die sind tot. Wie unfaßbar großartig wäre es gewesen, mein Großonkel hätte mal irgendwo auf der Straße, meinetwegen auch aus dem Busfenster heraus fotografiert, denn für das Straßenleben im Kairo der sechziger Jahre interessiert man sich heute natürlich schon. Wie sahen die aus? Was taten die da? Welche Kleidung trugen sie, wie sahen die Häuser aus? Alles das ist interessanter als eine perfekt belichtete Postkarte irgendeines Steintempels im Wüstenstaub, von jedem Leben befreit, daß dann bitte auch bloß kein Tourist drauf ist, der stört nur. (Nein, tut er nicht!)

Und, das ist leider auch wahr: je ambitionierter der Hobbyfotograf, desto langweiliger werden meistens die Fotos. Während mein Vater mit dreierlei Nahlinsen vor den Alpenblumen herumrobbte, knipste meine Mutter irgendwann mit einem Ritsch-Ratsch-Klick-Apparat unbedarft vor sich hin und produzierte genau die Bilder, die uns immer gefehlt haben. Solche, auf denen wir zu sehen sind, wie wir Eis essen, wie wir irgendwo rumwandern und scheiße aussehen. Die gucken wir uns bis heute an.

Skopelos. Wir warten auf die Fähre zurück nach Skiathos.

Im Idealfall produziert man irgendetwas dazwischen. Oder macht zumindest mit dem iPhone die Sozialfotos mit Menschen drauf. Das mach ich auch, denn ich verschicke sie meistens gerne und schnell und außerdem sind iPhone-Fotos ernsthaft prima. Neulich haben wir eins vorne aufs Reiseblatt gedruckt, ganz groß, Dämmerung in Tanger, super Qualität, nix zu meckern. Natürlich kommt trotzdem die Kamera mit, wenn man sie mir nicht gerade am Zoll beschlagnahmt, und damit wirds dann ein bißchen ambitionierter. Aber, so hoffe ich, nicht töter.

Welches sind die Bilder, die wirklich etwas über einen Ort erzählen? Und zwar nicht nur die üblichen drei Naturschönheiten, stundenlang poliert und hingefrickelt, dann noch ein Baudenkmal, ein Sonnenuntergang mit irgendeiner Silhouette und vielleicht noch eine Gasse ohne Leute, worauf man echt lange gewartet hat, bis die endlich weg waren? Ich kann das alles nicht mehr sehen, diese glattpolierten Reisekatalogbildchen.

Der kleine shipyard vor unserem Haus.

Ich bin wirklich froh, daß ich mich so lange und ausführlich mit Straßenfotografie beschäftigt habe. Ich sehe kein Schön und kein Häßlich mehr, ich sehe Farben und Linien und Oberflächen. Ich werte nicht. Alles darf auf meine Bilder, auch Autos, die viele ja so unschön finden, wenn es keine dekorativen Oldtimer sind. Autos sind super, sie glänzen und spiegeln und man kann manchmal durchgucken und manchmal nicht. Das ist doch wahnsinnig interessant. Mülleimer und Laternenpfosten gehen klar, solange sie in die Komposition passen. Manchmal sind sie sogar bunt, dann ist es noch besser.

Touristen integriere ich fröhlich, denn man muß ja nicht so tun, als sei man als einziger hier, ist man nämlich nicht. So ein Bild darf ruhig die Wahrheit erzählen, ist ja trotzdem eine schöne Reise. Außerdem sind da noch Einheimische, auch solche, die keine niedlichen Kinder sind oder sehr alt und mit zerfurchten Gesichtern. Die leben da, die gehen ihren Geschäften nach, natürlich dürfen die aufs Bild, wenn sie sich nicht dagegen wehren. (Nein, ich bin eher nicht von brucegildenscher Penetranz, interessiert mich auch nicht, sowas.) Mitreisende auch, wenn sie einverstanden sind. Man muß sie ja nicht immer irgendwohin drapieren und „lach mal!“ sagen.

Am Hafen von Skopelos. Wäre ohne das Auto auch eher öde alles.

Und dann denke ich mir: Ja, jetzt ist das alles noch so mittelinteressant. Aber später mal, so in dreißig Jahren! Wer mal meine Festplatten erbt, der wird viel Spaß haben – mehr als ich mit den großonkeligen Pyramiden. (Vor meinen Pyramiden toben übrigens ein paar sehr grelle britische Touristen herum.)

Letztens war ich im Foto-Podcast „Happy Shooting“ zu Gast und habe ein bißchen was erzählen dürfen. Sowas mach ich ja immer sehr gerne. Viel lieber als über Geräte rede ich nämlich eigentlich darüber, wie ich was warum mache, und welches Ergebnis ich haben will. Denn darüber, finde ich, wird viel zu wenig geredet. Die meisten Bilder haben ja eher nicht das Problem, daß sie technisch nicht ganz perfekt sind, die meisten haben ein Langeweileproblem. Aber trotzdem reden alle über Geräte und nicht darüber, wie man weniger langweilige Fotos macht.

Aber ich stelle hier lieber mal ein paar Links zu Fotopodcasts hin, die ich gerne höre, und debattiere das mit der Langeweile ein andermal. Bittesehr:

https://bensmithphoto.com/asmallvoice/ – Ben Smith hat den schönsten Akzent, er ist nämlich aus London. Außerdem redet er angenehm unaufgeregt mit seinen Gästen, ohne falschen Enthusiasmus. Ist halt Engländer.

http://streetcast.fm – Ich bin nicht der allergrößte Fan von Thomas Leuthards Fotos. Aber der Streetcast ist, soweit ich weiß, der einzige deutschsprachige Podcast zum Thema Straßenfotografie, also muß er in die Liste. Ich finde ihn vor allem deshalb interessant, weil er mich so angenehm oft zum Widerspruch herausfordert, und das hilft ja auch beim Denken.

http://lpvshow.com – Schade, schade, seit einem Jahr kamen keine neuen Folgen mehr. Aber die alten lohnen das Nachhören. Vor allem auch interessant wegen der Fotobuch-Diskussionen, darüber wird ja auch viel zu wenig geredet.

http://www.wrint.de/category/fotografie/ – Ich bin ja auch ein Bestandteil der großen glücklichen Wrint-Familie [Disclaimer], aber der Fotokanal mit Chris Marquardt ist wirklich super. Es geht so gründlich ans Eingemachte, daß auch ich, die ich grundsätzlich weiß, wie rum ich eine Kamera halten muß, noch was lerne. Oder etwas auffrische, was ich vor zwanzig Jahren mal gewußt habe.

http://www.ibarionex.net/thecandidframe/ – Ibarionex Perello hat mittlerweile ein mittelprächtiges Imperium aufgebaut, mit Videos, Workshops und eben auch einem Audio-Podcast. Darin unterhält er sich vor allem mit Fotografen und hat auch recht illustre Gäste. Vor allem liefert er jede (!) Woche fast durchgehend seit 2006. (Tip: Die Episode mit David Alan Harvey)

http://www.streetpx.com/episodes/ – Casper und Jim nehmen sich RICHTIG Zeit. Unter einer Stunde geht da nix. Auch immer wieder interessante Gäste und Gespräche.

http://thephotobrigade.com/category/podcast/ – Noch ein Gesprächspodcast. Und natürlich sollte man unbedingt die Episode mit Pete Souza hören.

https://absolutanalog.de/podcast/absolutanalog/show – Ganz frisch im Podcatcher. Ist genau das drin, was draufsteht: Alles mit Film, Flüssigkeiten und Dosen schütteln.

Die meisten amerikanischen Gesprächspodcasts schaffen es übrigens, ab und zu ein paar Damen vors Mikrophon zu bekommen. Ich hoffe, daß dieser Trend demnächst nach Deutschland überschwappt. Zusammen mit dem Trend, nicht nur über Knipsen und Rohre zu reden. Ein guter Ansatz ist Monis Motivklingel – aber da erscheint leider nur alle Jubeljahre eine neue Folge. Wer’s nicht kennt: Es gibt 64 Episoden zum Nachhören.

Ich habe schon ziemlich lange an keinen Workshop mehr teilgenommen. Meine Routine hat ja auch gut funktioniert: Wegfahren, knipsen, bearbeiten, auf Flickr laden, fertig. Dann wieder von vorne. Aber was da genau funktioniert und ob es vielleicht auch anders ginge, darüber nachzudenken hatte ich keine Zeit. Und genau für sowas sind Workshops gut. Ich habe über Kay von Aspern mitbekommen, daß er einen Workshop in Wien anbieten wollte, und Siegfried Hansen sei auch mit dabei. Die schätze ich beide, und Wien schätze ich auch. Ich buchte den Workshop, ich buchte das Gästesofa, und hier bin ich nun.

Siegfried hat am Freitag Abend erst einmal erzählt, wie er zu seinen Bildern findet, und das ist ziemlich interessant. Er sucht sich nämlich Trigger, auf die er anspringt. Das können Handschuhe sein oder Luftballons, Kunststoff-Eistüten in Übergröße, eingepackte Motorräder oder schlecht sitzende Anzüge. Die sammelt er, und das klingt erst einmal recht beliebig. Aber das hilft, sich zum Hinschauen und Hinfotografieren zu zwingen. Man verläßt nie das Haus und hat keine Idee, denn Handschuhe, schlecht sitzende Anzüge und irgendwas Verpacktes gibt es eigentlich immer.

Durchguck mit Spiegelung

Der erste Tag war dann eher nicht so produktiv. Es war trübes Wetter, die Farben matt, ich komme damit kaum zurecht. Oder hat mich diese Triggergeschichte verwirrt, weil ich gar keine Trigger habe? Ich stand dann ziemlich lange am Naschmarkt am Eingang zur U-Bahn herum und fand da eine einigermaßen komplexe Struktur mit Durchguck und Spiegelung. Endlich, der Ansatz eines Liniengewirrs. Später im ersten Bezirk fanden sich dann noch ein paar Kreise, bei denen sich kurz etwas tat, nämlich ein Mensch sich niederließ.

Meine Kreise

Na endlich, denn ohne dieses Bild hätte ich doch sehr an mir gezweifelt. Nach der Lauferei und Guckerei den ganzen Tag war ich fix und alle, ich bearbeitete noch ein bißchen, zack, fertig. Heimgehen und das Gefühl haben, immer noch im Routinesumpf zu stecken. Andererseits: Besser so, also in zehn Minuten zwei ganz okaye Bilder identifizeren, als stundenlang über mittelmäßigem Zeug hängen. Und das Internet ist leider voll von so Zeug, das anscheinend in großen Mengen ausgestoßen wird und schwarzweiße Menschen zeigt, die irgendwo herumstehen und vermeintlich nachdenklich gucken, drumherum Großstadtgestrüpp und kaum eine erkennbare Komposition. Die meisten Bilder, die sich als Straßenfotografie bezeichnen, haben ein ernsthaftes Klischeeproblem.

Es gibt da nun mehrere Wege, damit umzugehen. Siegfried Hansen ist konsequent graphisch. Und Kay von Asperns Bilder sind meistens ziemlich lustig, auch in schwarzweiß, und dabei auch noch supergut komponiert. Ich habe bislang keine Ahnung, wie ich mit irgendwas umgehe, außer daß ich eher keine Lust auf schwarzweiße Melancholiesuppe habe und Komposition wirklich sehr, sehr wichtig finde, wenn nicht überhaupt das Allerwichtigste. Außerdem mag ich wirre Linien und Knallfarben.

Ein Windhund, auch eher so ne Linie

Der zweite Tag machte mich dann sehr, sehr froh. Wir gingen zum Marathon, der an diesem Sonntag in Wien stattfand, und da war alles voller buntem Zeugs. Überall Ballons und Absperrbänder, die lustig herumflatterten, abgesperrte, leere Straßen, auf denen wirre Striche nichtvorhandenen Verkehr regelten. Es war großartig, ich hatte Spaß. Meine Trigger sind: Absperrbänder, Ballons, Hunde, Zebrastreifen, Knallfarben, Füße, Gitter, Straßenbahnschienen, Glasflächen, Streifen, Schatten. Unter anderem. Ich lerne sie ja erst kennen, es gibt bestimmt noch mehr. Aber wenn ich die sehe, dann renne ich sofort hin und gucke, was ich damit machen kann. Manche Hunde bleiben auch müde und geduldig liegen, bis ich mit ihnen durch bin. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, besonders, wenn sie ein schönes, rotes Geschirr tragen und im Schatten eines Gitters auf einer Straßenbahnschiene neben einem Fuß liegen. Superhund.

Streifen! Farbe! Kontrastfarbe!

Ich war von meiner Auswahl dann gelinde gesagt überrascht, als ich sie am Abend sichtete. Die Bilder sahen anders aus als das, was ich sonst so fotografiere, aber schon trotzdem nach mir. Nur irgendwie konsequenter. Ein paarmal habe ich Siegfried auch widersprochen, als der noch mehr abschneiden wollte, damit alles noch grafischer ist, aber ich wollte das nicht. Und das sei auch okay, sagte er später, ich müsse ja wissen, wo ich hinwill.

Mir ist immer noch nicht ganz klar, wo ich hinwill, außer weg von allen Klischeefallen. Und wenn das durch eine strenge, graphische Phase führt, damit ich irgendwo hinkomme, dann meinetwegen auch das. Ich interessiere mich ja eh viel zu sehr für Inhalte, um auf ewig auf Formen hängenzubleiben. Aber derzeit spült es mir angenehm den Kopf durch, ich bin mal raus aus der Routine, und das ist es ja, was ich wollte. Und morgen fahr ich zum Prater und schau, was dabei rauskommt, wenn man mich mit meinen Triggern alleine läßt.

Das letzte Bild des Tages

Die Geschichte begann unschön am Flughafen von Tanger, wo ich (und eine weitere Journalistin unserer Gruppe) in ein Räumchen geschickt wurde, in dem ein gelangweilter Zollbeamter passiv-aggressiv in einem dicken Buch mit Formularen herumstempelte. Wir hätten keine Fotoerlaubnis, sagte uns der gelangweilte Beamte, hörte kurz auf zu stempeln und beschlagnahmte unsere Kameras bis zum Rückflug. Dann stempelte er wieder, aber auf unseren Formularen herum.

Da war ich nun, in Marokko, in dessen Städten ich schon immer einmal herumfotografieren wollte, seit ich einmal weiter im Süden in der Wüste war, und hatte keine Kamera. Noch schlimmer: Ich hatte meine Kamera nicht. Meine Kamera, das ist seit sieben Jahren eine Leica M9 und ich gebe sie nur aus der Hand, wenn offizielle Menschen in Uniform mich sehr drohend anschauen. Zum Beispiel in einem Zollkabuff am Flughafen von Tanger.

Am ersten Tag nutzte ich eben mein iPhone. Das war frustrierend, aber irgendwie noch ok. Ich kenne mein iPhone, ich weiß, was ich erwarten (korrekte Belichtung) und vor allem, was ich nicht erwarten kann (schnelles Auslösen). Ich suchte mir also ein paar halbwegs unbewegliche Ziele, und los gings. Erst der zweite Tag erreichte ganz neue Level an Frustration, als unser Begleiter vom Fremdenverkehrsamt Tanger irgendwo eine Leihkamera für mich auftat. Das war eine Canon 700D und ich frage mich seitdem, warum Menschen sich sowas freiwillig antun.

Der Tag begann in der Altstadt, der Medina von Tanger. Das Licht war ein schräges, helles Morgenlicht. Die Mauern sind nahezu alle weiß gekalkt. Ich dachte, gut, fremde Kamera, mit der ich mich nicht auskenne, am besten erstmal alles auf Automatik schalten. Nur die ISO auf 400, das mach ich bei der M9 auch immer, damit kommt man immer ganz gut durch den Tag. Da kann sich auch mal was bewegen, da verrutscht nix. Tja. Nein. Anscheinend ist für die Automatik eine Zehntelsekunde noch eine voll okaye Belichtungszeit.

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Unbearbeitete Originaldatei. Verwischt, aber hey, immerhin schön bunt.

Ansonsten ist bei Blende achteinhalb meistens 1/500 oder 1/750 eine ziemlich idiotensichere Zeit, wenn die Sonne scheint. Hurra, nehmen wir 1/640, dachte sich die Plastewumme ein paar Meter weiter, und das sah dann aus irgendwelchen Gründen so aus:

Vorher und Nachher.
Bis die Schieberegler glühen: Vorher und Nachher.

Schön ist was anderes. Man kann also direkt in die Sonne fotografieren, und das Ding denkt immer noch, ach, ist ja nicht so hell, nee, gib ma noch was dazu. Himmel hell, Mauer hell, egal, Blätter ausgefressen, Kabel überstrahlt, fiese Reflexe, geil. Wer programmiert so einen Bullshit?

Ich habe zum Glück alles in RAW fotografiert, insofern konnte ich die völlig ausgeblasenen Lichter und das im Schatten Ersoffene oft noch halbwegs retten. Ich hatte aber ernsthaft noch nie so viel zu tun bei der Nachbearbeitung, und ich habe noch nie so sehr geschwitzt. Fast alles, was mit Automatik entstand, war heillos überbelichtet. Das ist in einer Stadt, die nahezu nur aus weißen Wänden besteht, ziemlich kontraproduktiv. Denn was weiß ist, das bleibt weiß. Aus den Schatten läßt sich eher noch ein bißchen Zeichnung herausholen, weshalb leichtes Unterbelichten nicht so schlimm ist wie diese Komplettüberstrahlung.

Überhaupt, die Automatik: Ein paar Meter weiter hielt sie dann Blende 29 (!) (wtf) und 1/200 für opportun, die Schatten ließen sich beim besten Willen nicht mehr aufhellen. Leider besteht die Altstadt nämlich nicht nur aus weißen Mauern, sondern auch aus dunklen Durchgängen und schattigen Ecken (wo viel Licht, da ja auch viel Schatten, wie das schöne Sprichwort sagt, und eigentlich etwas ganz anderes meint). Wer um Himmels Willen programmiert so etwas? Und warum? Und warum habe ich das Gefühl, der gute, alte CCD-Sensor meiner M9 ist dagegen so gutmütig wie ein Schwarzweißfilm? Immerhin: Die Belichtung ist nicht logisch, aber immerhin über das ganze Bild hinweg konsequent scheiße.

Irgendeine Palmenblattspitze ist eventuell korrekt belichtet.
Irgendeine Palmenblattspitze ist eventuell korrekt belichtet.

Nachdem ich der Belichtungsautomatik kein nennenswertes System nachweisen konnte, sie vielmehr „all over the place“ war, wie es im Englischen so schön heißt, beschloß ich, ab sofort manuell weiterzumachen. Das war eine prinzipiell gute Idee. Bei der Leica ist das ja simpel. Man belichtet so lange auf die eigene Handoberfläche, bis im Sucher ein rotes Böppelchen aufscheint anstatt eines Pfeils, dann ist alles gut. Man weiß dann auch immer, okay, hier ist es etwas schattiger, schalteste mal auf Blende acht und die Zeit auf 500 runter oder so. Ist ja nur ein kleiner Rädchendreh. Geht ja ratz-ratz. Andere nutzen die Belichtungskompensation, das geht auch.

Diese Canon ist aber leider wie viele dieser semi-professionellen Kameras für Menschen gemacht, die Zahlen hassen. Es sollen möglichst wenig Zahlen auf dem Gehäuse stehen, dafür sehr viele Rädchen und Knöpfe mit kryptischen Abkürzungen. Knöpfe sind gut, und Menüfunktionen, viele Menüfunktionen. Die Canon 700 hatte sogar einen Touchscreen, mit dem man alles mögliche machen kann, nur nicht das, was sinnvoll wäre: Zeit und Blende schnell verstellen. So schnell, daß das Motiv nicht in der Zwischenzeit weggelaufen ist.

Immerhin mußte ich nun nicht mehr der Belichtungsautomatik hinterherkontrollieren, ich hatte ja schon genug damit zu tun, dem Autofokus hinterherzukontrollieren. Ich bin ein Freund der großen Blende und weiß normalerweise, wo meine Kamera gerade hinfokussiert. Bei so einem Automatikdings kann es schon etwas länger dauern, bis man das Ästchen erwischt hat. Autofokus ist sicher nicht böse, aber eine weitere potentielle Fehlerquelle, weil ich glaube, nicht darüber nachdenken zu müssen (ist ja Automatik, ne), es aber besser sollte, sonst macht er einen Quatsch, den ich nicht will.

Netterweise blieben sie sitzen und warteten auf meine Belichtungsfummelei.
Netterweise blieben sie sitzen und warteten auf meine Belichtungsfummelei (vor und nach der Bearbeitung).

Inzwischen waren wir in Chefchaouen angekommen, einer kleinen Stadt im Gebirge, die für ihre blauen Mauern berühmt ist. Immerhin, die Mauern waren nicht mehr weiß, das half, und daß ich langsam raushatte, wie man die Belichtung verstellt, wenn man weder ein Zeiträdchen noch einen Blendenring hat (warum bloß nicht, warum? soll das Fortschritt sein?), machte die Sache auch besser. Es macht die Sache ja immer besser, wenn man die Knöpfe seines Gerätes möglichst blind findet. Eventuell hätte ich ein paar der kryptischen Knöpfe mit irgendetwas belegen können, was heutzutage „Settings“ heißt, aber das ist auch keine Entschuldigung für die Abwesenheit vernünftiger Einstellmöglichkeiten. Herrje. Ich kämpfte also. Und schaffte es, wenigstens ein paar Bilder hinzubekommen, die halbwegs stimmten. Was aber mehr an der unfaßbaren Schönheit Chefchaouens lag als an meinen fotografischen Fähigkeiten. Weil ey:

Was kann man da falsch machen? Diese Stadt kann man gar nicht häßlich fotografieren.
Was kann man da falsch machen? Diese Stadt kann man gar nicht häßlich fotografieren.

Jetzt ist das natürlich nicht die erste Stadt mit weißen oder blauen, auf jeden Fall sehr hellen Mauern, die ich bisher so im Leben fotografiert habe. Ich war jetzt neugierig und habe mir im Vergleich einmal die unbearbeiteten Originale aus der M9 angeschaut, die ich auf den griechischen Inseln gemacht habe. Und die sehen dann eher so aus:

DNG-Datei aus der M9
DNG-Datei aus der M9

Das ist erst einmal nicht sehr attraktiv. Das ist flau, das ist irgendwie zu bläulich, das ist nicht knackig. Und genau das ist der Punkt. Das sind Raw-Dateien, die dafür gemacht sind, von liebevoller Hand poliert zu werden. Bei den Canon-Dateien habe ich regelmäßig Kontrast und Farbe herausgenommen, weil es mir zu unnatürlich aussah. Bei der Leica gebe ich hinzu, und zwar so viel, wie es mir paßt. Unsereins ist ein mündiger Bürger und kann das selbst entscheiden. Das Problem ist halt: Hat das Raw schon saumäßig Kontrast, gehen Feinheiten verloren. Haare zum Beispiel.

Das Schöne an der Katze ist das Fell.
Das Schöne an der Katze ist das Fell (DNG aus der M9)

Flauschigkeit ist ein wesentliches Element der Katze, deshalb sollte man ihr Fell sehen und nicht nur einen weißen, überstrahlten Block, weil irgendwer meint, mein Raw so übersteuern zu müssen, daß es schön quietschebunt aussieht, mir aber eigentlich viel mehr Arbeit macht, anstatt mir welche zu ersparen.

Richtig finster wird es, wenn jemand noch meint, er müsse an so eine Canon ein Reisezoom dranhängen, weil man damit ja von supiweit bis supitele alles abdeckt. Die nicht ganz so wunderschöne, aber unter Weltkulturerbeschutz stehende Stadt, in die wir dann fuhren, heißt Tetaouen. Der Platz vor dem Palast sieht so aus:

Tetaouen
Tetaouen hinter Gittern

Man darf bei diesen Objektivungetümen halt echt nicht in die Ecken gucken.

Augenkrebs!
Augenkrebs!

Das Türmsche ist nicht nur schepp, wie man in Frankfurt sagt, es ist auch links grün und rechts lila. Das ist die gefürchtete Chromatische Aberration, und sie tut sehr weh, wenn man sieben Jahre lang keine gesehen hat. Es ist natürlich gemein, ein Zoomdingsi mit einem Leicaobjektiv zu vergleichen (auch nicht mit einem Leicaobjektiv aus den Sechzigern), aber es traf mich doch hart. (Warum ich sonst nur mit Festbrennweiten fotografiere, hat natürlich mit den Einschränkungen der Leica zu tun, aber auch mit den Einschränkungen meines Hirns und müßte ein andermal erzählt werden, das führt zu weit.)

Manchmal dachte ich, ach, naja, andere Kameras sind sicher auch gut, ich fahr hier so ein Luxusding, was irgendwie mit meiner verqueren Art des Hineinnerdens in Kram zu tun hat und mit meiner Obsession, daß die Dinge, die ich benutze, auch noch irgendwie schön sein sollen. Mein kurzer Ausflug in die Canon-Semiprofiwelt der Plasteknipsen und Riesentüten war demnach sehr lehrreich. Klar, man kann damit schon irgendwie Fotos machen. Man kann sich daran gewöhnen und lernt vielleicht, die Belichtungsparameter schneller einzustellen als ich.

Aber ich will nicht. Falls mir  in meinem künftigen Reisedasein nochmal so ein gelangweilter Zolltyp begegnet, der meint, mir die Kamera beschlagnahmen zu müssen, dann verzichte ich auf Substitute. Dann nehme ich das iPhone. Das ist auch leichter und unauffälliger und ich habe es sowieso dabei.