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Ich habe schon ziemlich lange an keinen Workshop mehr teilgenommen. Meine Routine hat ja auch gut funktioniert: Wegfahren, knipsen, bearbeiten, auf Flickr laden, fertig. Dann wieder von vorne. Aber was da genau funktioniert und ob es vielleicht auch anders ginge, darüber nachzudenken hatte ich keine Zeit. Und genau für sowas sind Workshops gut. Ich habe über Kay von Aspern mitbekommen, daß er einen Workshop in Wien anbieten wollte, und Siegfried Hansen sei auch mit dabei. Die schätze ich beide, und Wien schätze ich auch. Ich buchte den Workshop, ich buchte das Gästesofa, und hier bin ich nun.

Siegfried hat am Freitag Abend erst einmal erzählt, wie er zu seinen Bildern findet, und das ist ziemlich interessant. Er sucht sich nämlich Trigger, auf die er anspringt. Das können Handschuhe sein oder Luftballons, Kunststoff-Eistüten in Übergröße, eingepackte Motorräder oder schlecht sitzende Anzüge. Die sammelt er, und das klingt erst einmal recht beliebig. Aber das hilft, sich zum Hinschauen und Hinfotografieren zu zwingen. Man verläßt nie das Haus und hat keine Idee, denn Handschuhe, schlecht sitzende Anzüge und irgendwas Verpacktes gibt es eigentlich immer.

Durchguck mit Spiegelung

Der erste Tag war dann eher nicht so produktiv. Es war trübes Wetter, die Farben matt, ich komme damit kaum zurecht. Oder hat mich diese Triggergeschichte verwirrt, weil ich gar keine Trigger habe? Ich stand dann ziemlich lange am Naschmarkt am Eingang zur U-Bahn herum und fand da eine einigermaßen komplexe Struktur mit Durchguck und Spiegelung. Endlich, der Ansatz eines Liniengewirrs. Später im ersten Bezirk fanden sich dann noch ein paar Kreise, bei denen sich kurz etwas tat, nämlich ein Mensch sich niederließ.

Meine Kreise

Na endlich, denn ohne dieses Bild hätte ich doch sehr an mir gezweifelt. Nach der Lauferei und Guckerei den ganzen Tag war ich fix und alle, ich bearbeitete noch ein bißchen, zack, fertig. Heimgehen und das Gefühl haben, immer noch im Routinesumpf zu stecken. Andererseits: Besser so, also in zehn Minuten zwei ganz okaye Bilder identifizeren, als stundenlang über mittelmäßigem Zeug hängen. Und das Internet ist leider voll von so Zeug, das anscheinend in großen Mengen ausgestoßen wird und schwarzweiße Menschen zeigt, die irgendwo herumstehen und vermeintlich nachdenklich gucken, drumherum Großstadtgestrüpp und kaum eine erkennbare Komposition. Die meisten Bilder, die sich als Straßenfotografie bezeichnen, haben ein ernsthaftes Klischeeproblem.

Es gibt da nun mehrere Wege, damit umzugehen. Siegfried Hansen ist konsequent graphisch. Und Kay von Asperns Bilder sind meistens ziemlich lustig, auch in schwarzweiß, und dabei auch noch supergut komponiert. Ich habe bislang keine Ahnung, wie ich mit irgendwas umgehe, außer daß ich eher keine Lust auf schwarzweiße Melancholiesuppe habe und Komposition wirklich sehr, sehr wichtig finde, wenn nicht überhaupt das Allerwichtigste. Außerdem mag ich wirre Linien und Knallfarben.

Ein Windhund, auch eher so ne Linie

Der zweite Tag machte mich dann sehr, sehr froh. Wir gingen zum Marathon, der an diesem Sonntag in Wien stattfand, und da war alles voller buntem Zeugs. Überall Ballons und Absperrbänder, die lustig herumflatterten, abgesperrte, leere Straßen, auf denen wirre Striche nichtvorhandenen Verkehr regelten. Es war großartig, ich hatte Spaß. Meine Trigger sind: Absperrbänder, Ballons, Hunde, Zebrastreifen, Knallfarben, Füße, Gitter, Straßenbahnschienen, Glasflächen, Streifen, Schatten. Unter anderem. Ich lerne sie ja erst kennen, es gibt bestimmt noch mehr. Aber wenn ich die sehe, dann renne ich sofort hin und gucke, was ich damit machen kann. Manche Hunde bleiben auch müde und geduldig liegen, bis ich mit ihnen durch bin. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, besonders, wenn sie ein schönes, rotes Geschirr tragen und im Schatten eines Gitters auf einer Straßenbahnschiene neben einem Fuß liegen. Superhund.

Streifen! Farbe! Kontrastfarbe!

Ich war von meiner Auswahl dann gelinde gesagt überrascht, als ich sie am Abend sichtete. Die Bilder sahen anders aus als das, was ich sonst so fotografiere, aber schon trotzdem nach mir. Nur irgendwie konsequenter. Ein paarmal habe ich Siegfried auch widersprochen, als der noch mehr abschneiden wollte, damit alles noch grafischer ist, aber ich wollte das nicht. Und das sei auch okay, sagte er später, ich müsse ja wissen, wo ich hinwill.

Mir ist immer noch nicht ganz klar, wo ich hinwill, außer weg von allen Klischeefallen. Und wenn das durch eine strenge, graphische Phase führt, damit ich irgendwo hinkomme, dann meinetwegen auch das. Ich interessiere mich ja eh viel zu sehr für Inhalte, um auf ewig auf Formen hängenzubleiben. Aber derzeit spült es mir angenehm den Kopf durch, ich bin mal raus aus der Routine, und das ist es ja, was ich wollte. Und morgen fahr ich zum Prater und schau, was dabei rauskommt, wenn man mich mit meinen Triggern alleine läßt.

Das letzte Bild des Tages

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