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Letztens gab es eine hörenswerte Folge des Anekdotisch-Evident-Podcasts zur Fotografie. Darin geht es weder um Technik noch um Kunst, und wenn, dann nur am Rande. Vor allem nämlich geht es um Fotografie im Alltag – oder eben nicht im Alltag, nämlich immer dann, wenn eine Familie etwas Außergewöhnliches erlebt. Feiern, Weihnachten, Urlaube, sowas eben. Es hängt dann sehr vom Talent des fotografierenden Familienmitglieds ab, ob hier Momente festgehalten werden, die auch später noch gerne angeschaut werden und die Familie zusammenschweißen. Familienfotos können für den Zusammenhalt der Sippe durchaus wichtig sein.

Meine gesamte Familienvergangenheit befindet sich in verblichenen Fototaschen auf seit vierzig Jahren ungerahmten Dias, die nie angeschaut wurden, weil die Birne vom Diaprojektor schon mindestens ebenso lange kaputt ist. Ich habe überhaupt kein Bild von uns. Eines Tages werde ich all die Fototaschen sichten und vermutlich erst dann verstehen, wo wir herkommen und wie wir dabei aussahen. Ich habe einmal flüchtig drübergeschaut, es befanden sich unendliche Mengen Makroaufnahmen von Alpenblumen auf den Dias und immerhin ein Bild meiner Oma kurz vor meiner Geburt, wie sie gerade in ihrer bunten Kittelschürze irgendwas im Spülstein schrubbt. Ich wußte gar nicht, daß sie sich mit paarundsiebzig Jahren die langen Haare schwarz gefärbt hatte, so kannte ich sie gar nicht, nur kurz und grau. Ich habe dieses unspektakuläre Alltagsbild als sehr eindrucksvoll in Erinnerung, viel eindrucksvoller als all die Gruppenbilder vor Landschaften.

Doch üblicherweise packt man einmal im Jahr die Kamera aus, wenn man irgendwohin fährt, und lichtet schöne Landschaft ab und Baudenkmäler und vielleicht noch das Kind beim Niedlichsein. Von meinem Großonkel habe ich einen Diakasten geerbt, und zwar die Fotos seiner Ägyptenreise. Man sieht eine Pyramide und einen Tempel, dann noch eine Pyramide und noch einen Tempel. All die Fotos, die sich auf tausend Postkarten finden und in Geschichtsschulbüchern und heute auch im gesamten Internet, nur damals noch ohne Instagramfilter.

Kinder-Ballettstunde auf Skopelos

Für diese Bilder, so bemerkt es auch Alexandra Tobor im Podcast, interessiert sich in ein paar Jahren keine alte Sau mehr. Die sind tot. Wie unfaßbar großartig wäre es gewesen, mein Großonkel hätte mal irgendwo auf der Straße, meinetwegen auch aus dem Busfenster heraus fotografiert, denn für das Straßenleben im Kairo der sechziger Jahre interessiert man sich heute natürlich schon. Wie sahen die aus? Was taten die da? Welche Kleidung trugen sie, wie sahen die Häuser aus? Alles das ist interessanter als eine perfekt belichtete Postkarte irgendeines Steintempels im Wüstenstaub, von jedem Leben befreit, daß dann bitte auch bloß kein Tourist drauf ist, der stört nur. (Nein, tut er nicht!)

Und, das ist leider auch wahr: je ambitionierter der Hobbyfotograf, desto langweiliger werden meistens die Fotos. Während mein Vater mit dreierlei Nahlinsen vor den Alpenblumen herumrobbte, knipste meine Mutter irgendwann mit einem Ritsch-Ratsch-Klick-Apparat unbedarft vor sich hin und produzierte genau die Bilder, die uns immer gefehlt haben. Solche, auf denen wir zu sehen sind, wie wir Eis essen, wie wir irgendwo rumwandern und scheiße aussehen. Die gucken wir uns bis heute an.

Skopelos. Wir warten auf die Fähre zurück nach Skiathos.

Im Idealfall produziert man irgendetwas dazwischen. Oder macht zumindest mit dem iPhone die Sozialfotos mit Menschen drauf. Das mach ich auch, denn ich verschicke sie meistens gerne und schnell und außerdem sind iPhone-Fotos ernsthaft prima. Neulich haben wir eins vorne aufs Reiseblatt gedruckt, ganz groß, Dämmerung in Tanger, super Qualität, nix zu meckern. Natürlich kommt trotzdem die Kamera mit, wenn man sie mir nicht gerade am Zoll beschlagnahmt, und damit wirds dann ein bißchen ambitionierter. Aber, so hoffe ich, nicht töter.

Welches sind die Bilder, die wirklich etwas über einen Ort erzählen? Und zwar nicht nur die üblichen drei Naturschönheiten, stundenlang poliert und hingefrickelt, dann noch ein Baudenkmal, ein Sonnenuntergang mit irgendeiner Silhouette und vielleicht noch eine Gasse ohne Leute, worauf man echt lange gewartet hat, bis die endlich weg waren? Ich kann das alles nicht mehr sehen, diese glattpolierten Reisekatalogbildchen.

Der kleine shipyard vor unserem Haus.

Ich bin wirklich froh, daß ich mich so lange und ausführlich mit Straßenfotografie beschäftigt habe. Ich sehe kein Schön und kein Häßlich mehr, ich sehe Farben und Linien und Oberflächen. Ich werte nicht. Alles darf auf meine Bilder, auch Autos, die viele ja so unschön finden, wenn es keine dekorativen Oldtimer sind. Autos sind super, sie glänzen und spiegeln und man kann manchmal durchgucken und manchmal nicht. Das ist doch wahnsinnig interessant. Mülleimer und Laternenpfosten gehen klar, solange sie in die Komposition passen. Manchmal sind sie sogar bunt, dann ist es noch besser.

Touristen integriere ich fröhlich, denn man muß ja nicht so tun, als sei man als einziger hier, ist man nämlich nicht. So ein Bild darf ruhig die Wahrheit erzählen, ist ja trotzdem eine schöne Reise. Außerdem sind da noch Einheimische, auch solche, die keine niedlichen Kinder sind oder sehr alt und mit zerfurchten Gesichtern. Die leben da, die gehen ihren Geschäften nach, natürlich dürfen die aufs Bild, wenn sie sich nicht dagegen wehren. (Nein, ich bin eher nicht von brucegildenscher Penetranz, interessiert mich auch nicht, sowas.) Mitreisende auch, wenn sie einverstanden sind. Man muß sie ja nicht immer irgendwohin drapieren und „lach mal!“ sagen.

Am Hafen von Skopelos. Wäre ohne das Auto auch eher öde alles.

Und dann denke ich mir: Ja, jetzt ist das alles noch so mittelinteressant. Aber später mal, so in dreißig Jahren! Wer mal meine Festplatten erbt, der wird viel Spaß haben – mehr als ich mit den großonkeligen Pyramiden. (Vor meinen Pyramiden toben übrigens ein paar sehr grelle britische Touristen herum.)

  1. Wohl war! Die liebsten Fotos von früher sind die mit Personen drauf!

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